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S. 1 (203) Stadtgericht Aschaffenburg

Der Physikatsbericht für die Stadt Aschaffenburg

von Klaus Reder

Quelle und Kontext

Aufgrund zweier Verordnungen vom 21. April 1858 wurden die bayerischen Physikatsberichte von beamteten königlichen Gerichtsärzten angefertigt1. Die Ergebnisse liegen für den Zeitraum 1858-1861 flächendeckend für das gesamte bayerische Staatsgebiet vor2.

Seit Beginn des neuen Königreichs Bayern läßt sich eine stärker werdende Verrechtlichung des bisher weitgehend von zentralististischer staatlicher Gewalt "rechtsfreien" Alltags durch die Obrigkeit feststellen. Diese drängt sich mit ihren Verordnungen bis in alle Lebensbereiche vor. Dadurch werden immer mehr Lebensbereiche reglementiert3, Die Erhaltung der Gesundheit der Untertanen gelangt in das Interesse der Gesetzgeber. Zeitgenössische ökonomische Theorien führen aus, daß der Fleiß der Untertanen die wichtigste ökonomische Quelle des Nationalreichtums bilde. Man brauchte kräftige Bauern, taugliche Soldaten und fleißige Arbeiter für die Manufakturen. Also bemühten sich die Regierenden, die Zahl der Untertanen zu vermehren und ihre Sterblichkeit zu senken.

Bei dem hier zu bearbeitenden Physikatsbericht handelt es sich um eine in dieser Form neue und nur einmal erhobene Art von Berichten, die sich von den bisher erstellten Topographien unterscheiden. Darum gilt es zu fragen, welche Intention hinter einem Erlaß steht, der die Erstellung einer medizinischen Topo- und Ethnographie nach einem stark erweiterten neuen Frageschema anordnet4. Zu einer Klärung der äußeren Umstände reicht es jedoch nicht aus, die



1

Die Erstattung von Jahres- Berichten der Physikate betreffend / Die Herstellung medicinischer Topographien und Ethnographien betreffend, In: Aerztliches Intelligenz Blatt V (1858), S. 209-213.

2

Bis auf die oberbayerischen Berichte finden sich diese in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek München Cgm 6874 1-207. Die oberbayerischen Berichte liegen im Stadtarchiv in München im Bestand des Historischen Vereins von Oberbayern Hist. Ver. Ms. 401.

3

KÖSTLIN, K.: Historische Methode und regionale Kultur. In: KÖSTLIN, K.(Hrsg.): Historische Methode und regionale Kultur (= Regensburger Schriften zur Volkskunde Bd. 4). Berlin 1987, S. 7-23.

4

BRÜGELMANN, J: Der Blick des Arztes auf die Krankheit im Alltag 1779-1850. Medizinische Topographien als Quelle für die Sozialgeschichte des Gesundheitswesens. Med. Diss. Berlin 1982. BRANDLMEIER, K. P.: Medizinische Ortsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften Heft 38). Berlin 1942. FISCHER, A.: Geschichte des Deutschen Gesundheitswesens Bd. II. Von den Anfängen der hygienischen Ortsbeschreibungen bis zur Gründung des Reichsgesundheitsamtes. Berlin 1933. HEIZMANN, B.: Medizinische Topographien als volkskundliche Quelle. In: Fachwerk (= Mitteilungsblatt des volkskundlichen Instituts der Universität Bonn), Nr. 1/2 (1983), S. 24-32. JUSATZ, H.: Die Bedeutung der medizinischen Ortsbeschreibungen des 19. Jahrhunderts für die Entwicklung der Hygien. In: ARTELT, W. / RÜEGG, W. (Hrsg.): Der Arzt und der Kranke in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts (= Studien zur Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts Bd. 1). Stuttgart 1967, S. 179-200. VOIGT, G.: Die medizinischen Topographien in Deutschland bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Med. Diss Berlin 1939. ZEISS, H.: Medizinische Topographien als volkskundliche Quelle. In: Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik V (1935), S. 175-182.