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S. 28 (109) Landgericht Rothenbuch

"reich oder wohlhabend" belegt sind, haben nicht mehr, als ihr dürftiges Auskommen und unterscheiden sich dadurch von den Andern, daß sie keine oder doch nur wenige Hypothek-Schulden haben: die Meisten haben kaum ihr halbes Jahresbrod und Hypothek53- und Currentschulden54 übergenug. Man kann das Verhältniss der sogenannten Wohlhabenden zu den Armen mit 1 zu 10 bezeichnen.

Vergnügungsfeste,
besondere Gewohnheiten
.

Ausser den herkömmlichen Kirchweih und Fastnachtstagen und den einzelnen erlaubten Tanzmusiken kennt man keine besonderen Vergnügungen. Nur im Orte Wiesthal besteht ein alter Gebrauch, am Abend des Fastnachts-Dienstags auf einem nahe liegenden Berge ein Feuerrad herunterlaufen zu lassen55, was



53

Schulden, die durch eine Hypothek (im Grundbuch eingetragenes Pfandrecht an einem Grundstück oder Haus) abgesichert sind.

54

Currentgeld: umlaufendes Geld. Gemeint sind wohl kleinere Bargeldschulden im Gegensatz zu den gravierenderen Hypothekschulden.

55

HUBERT ROTH (Spessarter Volksleben am Beispiel Wiesthal. Zul. Arb. Heimat- und Volkskunde. Würzburg 1975, S. 24) berichtet ausführlich von diesem sogenannten "Faselrad" aus Wiesthal. Am Morgen des Fasnachtsdienstags sammeln die Burschen mit den Worten "Stroh raus" Stroh im Dorf ein. Unter Gesang und Gejohle bringt man Stroh und ein altes Rad eines Leiterwagens auf den steil abfallenden Mühlberg bei Wiesthal. Auf dem Berg wird das Rad mit einer Stange als Halterung versehen und mit Stroh und Reisig umflochten; dabei spielt eine Musikkapelle. Bisweilen kommen noch mit Stroh ausgestopfte Bienenkörbe als zusätzliche Feuerkugeln zum Einsatz. Ein Schuß markiert den Beginn des Abrollens. Das entzündete Rad wird langsam, von den jungen Männern zunächst gehalten, den Berg hinabgerollt. Nach zwei Dritteln der Strecke wird es losgelassen, so daß es nun mit hohen Geschwindigkeit in den nahen Aubach rollt, wo es zischend erlöscht. Bisweilen hinterläßt das Rad eine brennende Spur am Berg. Die Ortsbewohner warten abends gegen 19.00 Uhr am Fuß des Berges und sehen dem Schauspiel zu. Während des Abrollens wird das Lied "Stand ich einst auf Bergeshöhen" von Zuschauern und Burschen gesungen. Anschließend besuchen die meisten Teilnehmer eine Gastwirtschaft. - Zumindest noch 1983 wurde dieser Brauch noch in weiteren Orten des Spessarts und Odenwalds (z. B. Obersinn, Amorbach, Neuhütten) gepflegt. - WORSCHECH, REINHARD: Fasnachtsbräuche in Franken (= Unterfränkische Heimat. Beilage zum Amtlichen Schulanzeiger 5). Würzburg 1983, S. 29 (Bräuche im Spessart und Odenwald). Aus Neuhütten berichtet Worschech, daß auch Gewehre und Leuchtraketen abgeschossen werden. - Am Sonntag Invocavit (dem ersten Fastensonntag) gibt es viele Bräuche, die mit Feuer zu tun haben; seltener werden die Feuer am Fastnachtsdienstag oder Aschermittwoch entfacht. Herbert Freudenthal berichtet davon, daß auch in der Rhön und am Vogelsberg Feuerräder (Hollerad, Halrad) verbreitet sind, die manchmal ebenfalls, von jungen Männern an einer Stange gehalten, den Berg hinabgerollt werden. Er meint, man hatte geglaubt, daß die Räder die Flur vor Hagel und Unwetter schützen. - FREUDENTHAL, HERBERT: Das Feuer im deutschen Glauben und Brauch. Berlin, Leipzig 1931, S. 232-233, 239. (Das Werk von Freudenthal enthält zahlreiche wichtige Informationen; seine Deutungen aber sind hingegen weitgehend überholt). - Güttner nennt ein Beispiel aus Frammersbach. - GÜTTNER, KLAUS: Unsere fränkische Fastnacht. 2. Aufl. Schwaig 1982, S. 62.



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